„Es geht nur zusammen“

Interview mit Nina Blankenhagen und Stefanie Pöpken

Wie kann der Einzelhandel dazu beitragen, dass die Nutztierhaltung den natürlichen Bedürfnissen der Tiere angepasst ist? Und wie können aus den verschiedenen Sichtweisen von Handel, Landwirtschaft und Tierschutz Lösungen entstehen? Darüber sowie über gemeinsam Erreichtes und Pläne für die Zukunft sprechen Nina Blankenhagen (Funktionsbereichsleiterin Nachhaltigkeit Ware) und Stefanie Pöpken (Fachreferentin mit Schwerpunkt Geflügel und Rinder bei PROVIEH e.V.) im Interview.

Zwei Schweine schauen in die Kamera
Es geht nur zusammen: „Wenn wir mehr Tierwohl umsetzen wollen, müssen wir die gesamte Wertschöpfungskette und die Konsumenten mit auf diesen Weg nehmen.“

Eine artgerechte, wertschätzende Tierhaltung ist heute nicht selbstverständlich. Was sind für Sie die größten Herausforderungen auf dem Weg dahin?

Nina Blankenhagen: Wenn wir mehr Tierwohl umsetzen wollen, müssen wir die gesamte Wertschöpfungskette und die Konsumenten mit auf diesen Weg nehmen. Tierwohl ist laut zahlreicher Studien zwar ein wichtiges Thema für viele Menschen, aber das spiegelt sich nicht zwingend im Kaufverhalten wider. Die Bereitschaft, für mehr Tierwohl auch einen höheren Preis zu zahlen, bleibt oft theoretisch.

Stefanie Pöpken: Für mich stehen vier Gruppen in der Verantwortung. Die Politik müsste finanzielle Mittel für eine Veränderung in der Landwirtschaft bereitstellen, vor allem für zukunftsfähige Stallkonzepte. Die Politiker sollten sich öfter selbst ein Bild in den Ställen machen, um die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen. Zum Zweiten müssen wir Konsumenten stärker sensibilisieren, damit sie bereit sind, mehr Geld für tierische Lebensmittel auszugeben, und auch sparsamer mit diesen Lebensmitteln umgehen. Der Luxus in unserer Gesellschaft führt dazu, dass jeder Deutsche im Schnitt über 82 kg Lebensmittel pro Jahr wegwirft. Solange das so ist, wird die Gesellschaft nicht für eine wertschätzende Tierhaltung eintreten. Drittens sind auch die Lebensmitteleinzelhändler wichtige Akteure, denn sie können entsprechende Angebote ins Sortiment aufnehmen. Viertens ist der Landwirt in der Verantwortung. Er kann eine wertschätzende Tierhaltung umsetzen, aber er braucht auch Unterstützung bei der Beratung und Planung von Ställen. Im Gespräch mit Bauern erfahre ich immer wieder: Der Wille ist da, aber das Geld muss auch beim Landwirt ankommen.

Frau Blankenhagen, Sie sind seit 2016 Funktionsbereichsleiterin Nachhaltigkeit Ware bei der REWE Group. Welche Aspekte sind Ihnen beim Tierwohl besonders wichtig?

Nina Blankenhagen: Wir haben Tierwohl neben unseren Handlungsfeldern Mensch und Umwelt als integralen Bestandteil unserer Strategie für Nachhaltigkeit Ware definiert. Dabei konzentrieren wir uns auf drei Fokusthemen: 1. Haltungsbedingungen, z. B. mit Projekten zur artgerechten Haltung. 2. Verminderung bzw. Vermeidung von schmerzhaften Eingriffen am Tier, wie das Schnäbelkürzen und Schwänzekupieren. 3. Zucht: Wir wollen alternative Nutztierrassen fördern und einsetzen.

Nina Blankenhagen
Nina Blankenhagen
Nina Blankenhagen ist seit 2016 Funktionsbereichsleiterin Nachhaltigkeit Ware bei der REWE Group.

Frau Pöpken, Sie sind seit 2018 Mitglied des Fachbeirats Nachhaltigkeit der REWE Group. Wie kam es dazu? Welchen Fokus verfolgen Sie aus der Sicht der Tierschutzorganisation PROVIEH?

Stefanie Pöpken: Wir sind seit Jahren im Gespräch und seit 2013 Kooperationspartner. 2018 sprachen wir darüber, dass das Thema Tierwohl im PRO PLANET-Fachbeirat auch eine Vertretung bräuchte. Diese Rolle kann PROVIEH gut abdecken, weil der Verein sich seit 46 Jahren dem Schutz der landwirtschaftlich genutzten Tiere verschrieben hat. Meine tägliche Arbeit führt mich in viele Betriebe, daher kenne ich die Nöte, Ängste und Sorgen von Landwirten und kann diese Perspektive in den Beirat einbringen. Ohne die Bäuerinnen und Bauern kann keine Veränderung in der Landwirtschaft und in der Tierhaltung stattfinden.

Stefanie Pöpken
Stefanie Pöpken
Stefanie Pöpken ist Fachreferentin mit Schwerpunkt Geflügel und Rinder bei PROVIEH e. V. und Mitglied des Fachbeirats Nachhaltigkeit der REWE Group.

Was konnten Sie als Handelsunternehmen und Tierschutzorganisation gemeinsam in den vergangenen Jahren erreichen?

Nina Blankenhagen: Ich sehe es als großen Erfolg an, dass wir Themen des Tierwohls schon seit 2012 durch konkrete Projekte in die Branche bringen konnten, z. B. im Bereich Legehennen und Mastgeflügel. Wir haben Betriebe besichtigt und einen konstruktiven Dialog mit Landwirten gestartet. Das war ein Novum, denn die mediale Berichterstattung über Geflügel war gerade intensiv und die Scheu der Landwirte vor Gesprächen mit Tierschutzorganisationen groß. Diese guten Erfahrungen haben wir 2013 in unseren Initiativkreis zum Thema Schwein eingebracht, aus dem die heutige Initiative Tierwohl entstanden ist. Auch unser Projekt zum Thema Ringelschwanz war sehr erfolgreich: Wir arbeiteten dafür mit ungefähr 60 Landwirten, mit den zwei Bauernverbänden NRWs und der Landwirtschaftskammer. Dabei konnten wir die nötigen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Landwirte den Ringelschwanz ihrer Schweine nicht mehr kupieren müssen. Den Mehraufwand dafür haben wir als REWE Group den Landwirten mit 18 Euro pro Tier erstattet. In diesem Pilotprojekt mit einem Budget von insgesamt 300.000 Euro konnten wir Wissen generieren und Erfahrungen im geschützten Rahmen sammeln. PROHVIEH war dabei Berater und Challenger: Sie zeigten auf, dass und wie wir uns auf den Weg machen müssen.

Stefanie Pöpken: Wir als Verein agieren mit vielen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren und möchten Synergieeffekte schaffen. Bei diesen Projekten konnte PROVIEH die Partner zusammenführen.

Wo liegen momentan die Schwerpunkte Ihrer Arbeit für mehr Tierwohl?

Stefanie Pöpken: Eine Einigung für die Ferkelkastration hat uns als Tierschutzorganisation letztes Jahr (2018) ziemlich gefordert: Der Ausstieg war von der deutschen Politik für Januar 2019 vorgesehen. Doch Ferkel dürfen jetzt noch immer ohne Betäubung kastriert werden, für eine Übergangszeit von zwei Jahren. Gemeinsam haben wir uns für Alternativen ausgesprochen, die die Kastration ohne Betäubung ausschließen. Auch in der Haltungsform haben wir mit PROVIEH konkrete Vorschläge eingebracht: Unsere Forderungen für Milchvieh gründen auf den Kriterien des Siegels PRO WEIDELAND. Gemeinsam mit der REWE Group überlegen wir, wie die Haltungsform für Tiere aussehen kann, die bisher nicht unter gesetzliche Bestimmungen fallen. Es gibt z. B. keine Haltungsverordnung für Milchkühe – das ist eigentlich eine Katastrophe. Man muss Grenzen definieren.

Nina Blankenhagen: Am meisten beschäftigt uns als REWE Group gerade die Haltungsform als Kennzeichnung für die gesamte Branche. In diesem Zusammenhang verfolgen wir zwei strategische Stränge: Auf der einen Seite versuchen wir gemeinsam mit dem gesamten Sektor, egal ob Milch, Ei oder Fleisch, mehr Tierwohl in kleinen Schritten in der Breite umzusetzen. Auf der anderen Seite forcieren wir mit individuellen Projekten bei REWE und PENNY höhere Standards und zeigen damit Perspektiven auf.

Stefanie Pöpken: Zum Beispiel sprachen wir schon 2015 über die Ferkelkastration. Die REWE Group wollte daraufhin die betäubungslose Ferkelkastration komplett ausschließen und hat sich als erstes Handelsunternehmen ganz klar positioniert. Das REWE Bio Schweinefleisch ist seit 2017 komplett auf Alternativen umgestellt.

PROVIEH und die REWE Group arbeiten seit 2013 mit konkreten Projekten an der Verbesserung des Tierwohls. Wie kann man sich die Kooperation vorstellen?

Nina Blankenhagen: Unsere lange Zusammenarbeit ist sehr vertrauensvoll und konstruktiv. Vor allem aber ist sie nah an der Praxis, mit Treffen, gemeinsamen Betriebsbesuchen sowie Veranstaltungen, bei denen wir Input und Feedback erhalten. Die NGO-Perspektive fließt dann in unsere Strategie mit ein. Bei unserer Positionierung zur Ferkelkastration zum Beispiel interessiert es uns, wie PROVIEH die Alternativen einschätzt.

Stefanie Pöpken: Diese Position tragen wir auch zusammen nach außen. Es gab eine gemeinsame Pressemitteilung zur Ferkelkastration. Wir beraten und geben Input aus unserem Netzwerk zu Tierschutzthemen, die politisch und im Handel diskutiert werden. Aktuell arbeiten wir gemeinsam an der Tierwohlleitlinie der REWE Group, die bald veröffentlicht wird – dabei merke ich, dass meine Meinung wertgeschätzt wird. Unsere Zusammenarbeit ist geprägt durch großes gegenseitiges Vertrauen, alles läuft ehrlich und auf Augenhöhe ab. Das bringt die besten Ergebnisse hervor. Auch im Nachhaltigkeitsbeirat der REWE Group herrscht ein sehr offenes Klima.

Was konnten Sie aus der Kooperation bisher lernen?

Stefanie Pöpken: Wenn ich darauf warte, dass die Politik neue Regeln im Bereich Tierhaltung schafft, kann ich sehr lange warten. Unsere Zusammenarbeit ist so fruchtbar, weil der Handel ganz andere Möglichkeiten bei der Umsetzung von Tierschutzmaßnahmen hat. Durch den konstruktiven Dialog mit der REWE Group bewegt sich etwas, worauf wir im Tierschutz seit Jahren hingearbeitet haben.

Nina Blankenhagen: Es geht nur zusammen, alle müssen an einen Tisch: die Landwirte, NGOs, Akteure der Wertschöpfungskette. PROVIEH hat gute Beispiele von Projekten und Landwirten im Netzwerk. So müssen wir das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. Wir arbeiten gemeinsam daran, vorhandene Lösungen zu skalieren und in die Breite zu tragen.

Auf welche Themen sollte sich die REWE Group in Zukunft beim Tierwohl konzentrieren?

Nina Blankenhagen: Die Haltungskennzeichnung ist eine gute Möglichkeit, um mehr Transparenz zu schaffen. Das wollen wir künftig noch stärker nutzen und zeigen, was wir entlang der Wertschöpfungskette tun, aber vor allem, wie wir uns mit langfristigen Zielen weiterentwickeln. Unser Ziel muss sein, wo möglich, über den gesetzlichen Standard hinauszugehen, sodass wir tierische Produkte perspektivisch mindestens auf Stufe 2 oder sogar 3 heben. Bei REWE forcieren wir regionale Fleischprogramme, die wir mit echten Tierwohl-Mehrwerten aufladen wollen. PENNY hat das Qualitätsfleisch vom Teutoburger Hofschwein eingeführt, um zu zeigen, wie es gehen kann. Doch es gibt noch einige Herausforderungen, um wirklich von einer zukunftsfähigen, artgerechten Nutzierhaltung zu sprechen – das betrifft u. a. das Preisniveau und die gesellschaftliche Wertschätzung von tierischen Produkten.

Stefanie Pöpken: Ich wünsche mir eine quantitative Erhöhung der tierischen Lebensmittel in Stufe 3 und 4 der Haltungsform. Stufe 3 liegt bereits zwischen der Initiative Tierwohl und Bio. Die Stufe 4 beinhaltet auch die tierischen Erzeugnisse aus Bio-Haltung. Mein Ziel wäre, mittel- und langfristig Produkte aus der Stufe 1 des gesetzlichen Mindeststandards auszulisten. Dafür brauchen wir letztendlich auch einen gesellschaftlichen Wandel. Die Herausforderung besteht darin, den Konsumenten aufzuklären: Tierwohl und Tierschutz gibt’s nicht zum Nulltarif. Wertschätzende Tierhaltung kostet Geld.

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