Partnerschaft auf Augenhöhe

Pro Planet-Apfelprojekt

Eine Idee zieht Kreise: Zum Start 2010 war das Pro Planet-Apfelprojekt eine Initiative zur Förderung der biologischen Vielfalt in der Bodensee-Region. Inzwischen arbeiten mehr als 450 LandwirtInnen in ganz Deutschland und Teilen Österreichs mit.

Lesedauer: 10 Minuten

Eine Kiste voller Äpfel auf einer Apfelbaum-Plantage

Was haben Äpfel, Kirschen und Brokkoli gemeinsam? Klar, alle drei sind Lebensmittel. Aber es gibt noch etwas, was sie verbindet: Ohne Insekten als fleißige Bestäuber würden ihre Früchte sehr viel magerer ausfallen. Denn dann müssten sie sich bei der Fortpflanzung im Wesentlichen auf die Dienste des Windes verlassen, der die Pollen durch die Lüfte trägt. Das aber funktioniert allenfalls bei Süßgräsern, Weizen, Roggen oder Mais. Bis zu 75 Prozent unserer pflanzlich erzeugten Lebensmittel, so sagen Experten, sind auf die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten angewiesen.

Aber dieser gut funktionierende Kreislauf ist in Gefahr. Studien zufolge ist die Masse der Fluginsekten in Naturschutzgebieten in den vergangenen Jahrzehnten um 75 Prozent zurückgegangen. Jede dritte Insektenart ist gemäß der roten Liste des Bundesamtes für Naturschutz gefährdet oder bereits ausgestorben. Warum? Weil der Mensch vielen Arten den Lebensraum nimmt. Zum Beispiel, indem er Wiesen zu häufig mäht, Felder mit Insektiziden und Herbiziden bespritzt und immer mehr freie Flächen entweder zubaut oder anderweitig nutzt.

Blaupause Bodenseeprojekt

Blaupause Bodensee-Projekt

Wie es gelingen kann, die biologische Vielfalt zu fördern, wenn Landwirtschaft, Naturschutz und Handel zusammenarbeiten, zeigt sich seit 2010 auf vielen Obstwiesen rund um den Bodensee – bei einem Gemeinschaftsprojekt der REWE Group mit regionalen ImkerInnen, Bäuerinnen und Bauern der Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft mbH sowie Umwelt- und NaturschützerInnen der Bodensee Stiftung. Die Idee: in den konventionellen Anbauflächen der Apfelbauern mehr Nahrungs- und Nistangebote für blütensuchende Insekten schaffen. „Dazu haben wir gleich zu Projektbeginn einen langen Maßnahmenkatalog formuliert – vom Aufstellen der Nisthilfen bis zum Anlegen von Blumenwiesen und blühenden Hecken“, erläutert Patrick Trötschler, stellvertretender Geschäftsführer der Bodensee-Stiftung. Er ist verantwortlich für landwirtschaftliche Projekte der Stiftung und betreut das Apfelprojekt in der Bodensee-Region. Die regelmäßigen Erfolgskontrollen der Stiftung belegen, dass sich das Engagement der Obstbäuerinnen und -bauern auszahlt. „Gemeinsam haben wir eine klare Trendwende geschafft. Die Maßnahmen haben dazu beigetragen, dass sich die Wildbienenpopulation deutlich verbessert hat“, betont Trötschler.

Das Projekt zeigt, dass sich Naturschutz und Landwirtschaft ergänzen können. „Der Naturschutz hat einen eigenen, praktischen Anreiz für unsere Obstbäuerinnen und -bauern. Er sorgt dafür, dass die Obstplantagen langfristig genutzt werden können – indem sie von den Bienen bestäubt werden. So schließt sich der Kreis zwischen Naturschutz und Wirtschaftlichkeit. Darin liegt für uns alle eine große Chance“, betont Inga Mohr, Leitung Marketing der Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft mbH. Das finden viele LandwirtInnen auch abseits der Bodensee-Region. Und längst geht es nicht mehr nur um Äpfel oder anderes Steinobst. Die REWE Group, der Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) mit regionalen Naturschutzorganisationen sowie die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft mit ihren Schwesterstiftungen als Unterstützer und zahlreiche LandwirtInnen sorgen dafür, dass das „Pro Planet-Biodiversitätsprojekt“ auch auf andere Obst- und auch Gemüsekulturen ausgedehnt wird. Auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher ist das Engagement sichtbar: durch die Kennzeichnung der Erzeugnisse mit dem Pro Planet-Label „Für mehr Artenvielfalt“, mit dem die REWE Group den Einsatz für den Erhalt der biologischen Vielfalt sichtbar macht.

Nachhaltiger Apfelsaft aus Polen

Nachhaltiger Apfelsaft aus Polen

Das gemeinsam mit den Naturschutzorganisationen betriebene Pro Planet-Biodiversitätsprojekt ist die Blaupause für eine Initiative, die die REWE Group gemeinsam mit der polnischen Gesellschaft für Vogelschutz (OTOP) und Obstanbauenden in der Region Grojec gestartet hat. Im größten Anbaugebiet für Äpfel in Polen schaffen die Bäuerinnen und Bauern auf ausgesuchten Plantagen durch verschiedene naturschutzfachliche Maßnahmen Lebensräume für Bienen und andere Insekten sowie Vögel. Sie legen zum Beispiel Blühstreifen an oder stellen Insektenhotels auf und leisten so ein Beitrag für mehr Artenvielfalt. Die von diesen Obstbäuerinne und -bauern bezogenen Äpfel werden separat gehandhabt. Sie werden zur Herstellung des Pro Planet-gelabelten Safts der Marken REWE Beste Wahl und Paradiso verwendet, den REWE und PENNY im Frühjahr eingeführt haben. Warum Polen? Das Land ist das größte Anbaugebiet von Äpfeln in Europa.  
 

Bauern, Blühwiesen, Bäume

Ende vergangenen Jahres machten mehr als 450 Landwirtinnen und Landwirte am Pro Planet-Biodiversitätsprojekt mit, darunter 353 Obstbetriebe (Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen). Die weiteren TeilnehmerInnen bauten Karotten, Romanasalatherzen, Eisbergsalat, Brokkoli, Chinakohl, Kartoffeln oder Zwiebeln an. Insgesamt legten die beteiligten Betriebe 612 Hektar ein- und mehrjährige Blühflächen entweder neu an oder werteten sie auf. Sie stellten 10.130 Nistkästen und Nisthilfen für Vögel und Fledermäuse auf sowie 4.722 Insektennisthilfen. Zudem pflanzten sie mehr als 14.380 Bäume, Hecken und Sträucher, brachten 1.673 Sitzstangen an und legten 259 Totholzhaufen an, um nur einige Beispiele aus dem umfassenden Maßnahmenkatalog zu nennen.

„Als Obstbauern arbeiten wir nicht nur in der Natur, sondern auch mit der Natur“Philip Wißkirchen
Philip Wißkirchen
Philip Wißkirchen Philip Wißkirchen, Obstbaumeister in dritter Generation im familieneigenen Betrieb in Meckenheim-Ersdorf. Dort werden jedes Jahr auf annähernd 32 Hektar etwa 1600 Tonnen Äpfel geerntet.

„Die Artenvielfalt zu fördern ist uns schon lange ein echtes Anliegen. Denn es ist doch so: Als Obstbäuerinnen und -bauern arbeiten wir nicht nur in der Natur, sondern auch mit der Natur. Daher ist es uns wichtig, im Einklang mit ihr zu produzieren, indem wir Nützlinge nicht nur schonen, sondern gezielt fördern. Denn sie können uns helfen, den Schädlingsdruck beispielsweise von Mäusen oder Blattläusen zu mindern. Wie wir das konkret machen? Wir bauen Sitzstangen und Nisthilfen für Greifvögel, schaffen Rückzugsorte für Mauswiesel unter Totholzhaufen oder für Marder unter Steinhaufen. Auch eine Blühwiese haben wir angelegt, etwa 1.000 Quadratmeter groß. Ausreichend viele Bestäuber zu haben, wird gerade in Zeiten der Wetterextreme immer wichtiger. Wenn beispielsweise Frost in der Blütezeit dazu führt, dass nur fünf Prozent der Blüten überleben, muss die Ernte nicht verloren sein – vorausgesetzt, sie werden alle bestäubt.

Einmal im Jahr besuchen uns VertreterInnen des NABU und wir überlegen gemeinsam, welche Maßnahmen wir noch ergreifen könnten. In diesem Jahr beispielsweise wollen wir einen Kasten für Schleiereulen bauen. Wenn der NABU gute Ideen hat, setzen wir die gerne um. Die Erhaltung der Biodiversität und der Artenvielfalt liegt uns sehr am Herzen.“

„Artenschutz lohnt sich für alle Seiten“Peter Schüller

„Ob eine Ernte gut oder schlecht ausfällt, das entscheidet vor allem das Wetter. So können von einem auf den anderen Moment Frost, Hagel, Trockenheit und Sonnenbrand eine bis dahin gute Ernte zunichtemachen. Aber man sollte nicht unterschätzen, welchen Anteil Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt am wirtschaftlichen Erfolg eines Betriebs haben. Beziffern können wir ihn nicht, aber ich gebe ein Beispiel: Bei Krings arbeiten wir nach dem Schadschwellenprinzip. Das heißt, wir schauen, wie viele Schädlinge es an einer bestimmten Anzahl von Bäumen in der Plantage gibt und ergreifen – sofern eine bestimmte Grenze überschritten ist – Pflanzenschutzmaßnahmen. Sind allerdings ausreichend viele Nützlinge vor Ort, gibt es eine gute Chance, dass sie drohende Schäden auf natürliche Weise abwenden. So müssen wir nicht unterstützend eingreifen. Das spart Zeit und Geld. Bereits seit vielen Jahren prüfen wir gemeinsam mit dem NABU, wie und an welchen Stellen auf dem Gelände wir die Artenvielfalt fördern können. So gibt es beispielsweise immer wieder Randstreifen und nicht geeignete Felder, die wir, wie es bei uns heißt, aus der Produktion nehmen, also dort keine Äpfel mehr anbauen. Diese Flächen lassen sich prima nutzen, beispielsweise zur Anlage einer Blühwiese. Aktuell haben wir auf einer mehr als zwei Fußballfelder großen Fläche Blühwiesen angelegt. Erst im vergangenen Jahr hat der NABU im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Bonn untersucht, wie viele und welche Insekten auf unseren Blühwiesen unterwegs sind. Vor kurzem haben wir eine Birnenplantage angelegt. Der NABU hat uns vorgeschlagen, Rosengewächse zu pflanzen. Das wollen wir jetzt umsetzen. So entwickeln wir gemeinsam immer wieder neue Maßnahmen. Das ist ein stetiger Prozess, der sich sowohl für die Natur als auch für uns als Unternehmensgruppe Krings lohnt.“

„Jede Oberbäuerin und jeder Obstbauer kann sich individuell von uns beraten lassen“Katja Röser
Katja Röser
Katja Röser Katja Röser, Agrarbiologin, und Michael Winstel, Agraringenieur, tätig in der Obstbauberatung und Qualitätssicherung der Genossenschaften von Obst vom Bodensee

„Wenn es in unseren Genossenschaften von Obst vom Bodensee um Fragen der Biodiversität und Nachhaltigkeit geht, laufen die Fäden bei uns in der Obstbauberatung zusammen. Wir sammeln Erfahrungen der Obstbäuerinnen und -bauern und bündeln wissenschaftliche Erkenntnisse. Auf dieser Basis erarbeiten wir Vorschläge, wie die Betriebe auf ihren Flächen die Artenvielfalt fördern und nachhaltiger wirtschaften können – immer unter Berücksichtigung der jeweiligen natürlichen Gegebenheiten der Region, der Witterung und den Besonderheiten der Saison. So kann jeder von den Erfahrungen anderer profitieren. Etwa 150 unserer Obstbaubetriebe gehen in jedem Jahr neue Maßnahmen an und fragen uns dazu um Rat. Zudem betreuen wir regelmäßig 30 bis 40 Betriebe bei der Umsetzung langjähriger Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen, weit über die Laufzeit von Projekten oder Programmen hinaus.

Unsere Beratung ist vielfältig. Mal sind wir vor Ort und schauen, was sich in der Durchführung praktisch optimieren lässt. Zum Beispiel, ob sich Nisthilfen besser positionieren lassen oder Blühwiesen und Biodiversitätsflächen besser gemangt werden können. Viele Fragen unserer Obstbäerinnen und -bauern lassen sich auch am Telefon oder per E-Mail klären. Zudem verschicken wir regelmäßig Newsletter mit aktuellen Tipps, etwa zur Pflege von Blühflächen, und Angeboten für Sammelbestellungen, beispielsweise von Saatgut für Pflanzenmischungen, Heckenpflanzungen oder hochwertige Nisthilfen.


Die „Region-Saaten“ für unsere Biodiversitäts- und Blühflächen „aus der Region – für die Region“ sind das Herzstück unserer nachhaltigen Förderung von Wildinsekten, Vögeln und weiteren Wildtierarten. Es sind Mischungen mit Namen wie „Blühende Landschaft“ oder „Lebendiger Ackerrand“, speziell auf unsere Bodenseeregion abgestimmt. Seit dem vergangenen Jahr gibt es eine „Honigpflanzen-Mischung“ – die passt gut zu den heimischen Insekten, die wir auf diese Weise fördern.

Es gibt keinen strengen, von Naturschutzorganisationen vorgegebenen Maßnahmenkatalog, den jeder einzelne Betrieb abarbeiten muss. Jeder kann sich ganz individuell beraten lassen und dann Maßnahmen zu den Themen umsetzen, die gerade anstehen. Freiwillig. Ich denke, darin liegt ein großer Teil unseres Erfolgs. Auf dem Gelände der von uns betreuten Betriebe entstehen im Durchschnitt der Jahre pro Obstbaubetrieb am Bodensee etwa 4000 Quadratmeter neue Biodiversitätsflächen. Welche Erfolge dies für die Insekten-Population hat, belegen die von verschiedenen unabhängigen WissenschaftlerInnen regelmäßig durchgeführten Monitorings.“

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