„Alle können sofort loslegen“

Initiativen gegen Mikroplastik

Schnell weg mit schlecht abbaubaren Kunststoffpartikeln? So einfach ist die Sache nicht, wie Katharina Istel, Referentin für nachhaltigen Konsum beim Nabu, erläutert. Am Anfang steht ein Definitionsproblem.

Lesedauer: 8 Minuten

Mikroplastik auf blauem Grund

Noch hat die Wissenschaft nicht abschließend geklärt, welchen Schaden Mikroplastik für Menschen, Tiere und Umwelt anrichtet. Man könnte es sich also einfach machen und das Thema zunächst einmal auf die lange Bank schieben.
Katharina Istel
: Das wäre fahrlässig. Die Bemühungen um eine Reduzierung von Mikroplastik dulden keinen Aufschub. Wir müssen vorsorglich handeln, denn Mikroplastik, das einmal in die Umwelt gelangt ist, lässt sich nicht wieder zurückholen. Es gibt schon heute Forschungen, die belegen, dass Mikroplastik Entzündungsprozesse hervorruft. Wenn wir abwarten, bis auch der letzte Beweis geführt ist, ist es zu spät, denn der Verbrauch und die Anreicherung in der Umwelt steigen exponentiell. Kunststoffe wird es immer geben. Aber wenn wir in dem Tempo weitermachen wie bisher, bekommen wir die daraus resultierenden Probleme nicht mehr in den Griff.  

Porträt von Katharina Istel
Katharina Istel Katharina Istel ist Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland.

Wer sich mit Mikroplastik beschäftigt, steht schnell vor einem Dilemma: Es gibt keine allgemein verbindliche Definition. Institutionen und Hersteller haben eigene Kriterien, etwa wenn es um die Abbaubarkeit geht. Warum ist das so?
Katharina Istel
: Mikroplastik ist ein komplexes Thema. Es ist nahezu unmöglich, Standards zu formulieren, die allen Anwendungen und Produkten gerecht werden. Bei Kosmetik beispielsweise spielen andere Partikel eine Rolle als bei Fasern. Eine zu große Vereinfachung wiederum würde Schlupflöcher eröffnen. Deshalb sollte der Gesetzgeber möglichst rasch für unterschiedliche Anwendungen und Produkte spezifische Mindestvorgaben festlegen. Das schafft Wettbewerbsgleichheit, erleichtert die Vergleichbarkeit und lässt Herstellern die Freiheit, je nach Belieben über die Standards hinaus zu gehen.    


Viele unterschiedliche Definitionen – wie sollen Verbraucher da den Überblick behalten?
Katharina Istel
: Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass in der Kommunikation mit den Verbrauchern etwas auf der Strecke bleibt. Gesetzgebung und Regeln, zu denen sich Hersteller verpflichten sollten, sind nun einmal komplex und ganz ohne technische Formulierungen geht es nicht. Aber man kann ein kompliziertes Thema nicht unangemessen vereinfachen, nur weil das Vorteile in der Kommunikation mit sich bringt.


Wann könnte eine einheitliche gesetzliche Regelung kommen?
Katharina Istel: Die Europäische Chemikalienagentur ECHA hat einen Vorschlag erarbeitet, bei welchen Anwendungen Mikroplastik verboten werden soll und wo sein Einsatz entsprechend gekennzeichnet werden muss. Wir als NABU unterstützen diese Initiative und hoffen, dass man sich zeitnah auf eine entsprechende gesetzliche Regelung einigt – wegen der jahrelangen Übergangsfristen ist hier Eile geboten. Trotzdem sollten Unternehmen nicht warten, bis ein Verbot kommt, sondern sich schon heute mit dem Thema beschäftigen und nach Alternativen zu Mikroplastik Ausschau halten. Alle können sofort loslegen. Mittelfristig muss es eine klare Vorgabe der EU geben, dass sowohl Mikroplastik als auch andere nicht abbaubare Polymere verboten sind, die in die Umwelt gelangen. 

Wer nachwachsende Rohstoffe für etwas Positives gehalten hat, ist beim Thema Mikroplastik überrascht: Partikel aus nachwachsenden Rohstoffen sind in puncto Abbaubarkeit keineswegs besser als andere. Warum?
Katharina Istel: Ja, die Abbaubarkeit ist unabhängig von der Rohstoffbasis. Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen können genauso wenig abbaubar sein wie Kunststoffe aus fossilen Rohstoffen. Andersrum werden abbaubare Kunststoffe auch aus fossilen Rohstoffen hergestellt. Und dann gibt es extrem langlebige natürliche Erzeugnisse wie etwa Walnussschalen, die länger für den Abbau in der Umwelt brauchen als mancher abbaubare Kunststoff.

„Bei Kosmetik sollten Verbraucher zu Produkten greifen, die – nach der Definition der Hersteller – frei von Mikroplastik sind.“Katharina Istel

Möglicherweise wird es nicht immer gleichwertige Alternativen zu Mikroplastik geben.
Katharina Istel: Ja, das ist mitunter schwierig. Die Textilindustrie zum Beispiel kann nicht synthetisches Fasern in vollem Umfang gegen Baumwolle ersetzen. Das würde der Umwelt an anderer Stelle schaden. Es ist wie so oft bei Substitutionen: Man verbessert die Dinge an einer Stelle und verschlimmert sie gleichzeitig anderswo. Wenn es um Textilien geht, wäre der Umwelt am meisten gedient, wenn die Verbraucher weniger Kleidungsstücke kaufen würden. Zudem müsste die Forschung zu Faserabrieben und für bessere Filtersysteme beschleunigt werden.

Und in anderen Bereichen? Was können die Verbraucher dazu beitragen, die schädlichen Auswirkungen von Mikroplastik zu verringern?
Katharina Istel: Zu allererst: weniger Auto fahren. Denn dabei wird laut Fraunhofer Institut das meiste Mikroplastik in die Umwelt freigesetzt. Bei Kosmetik sollten Verbraucher zu Produkten greifen, die – nach der Definition der Hersteller – frei von Mikroplastik sind. Aktuell kann man sich hier leider erst einmal nur auf die Label der Hersteller verlassen. Beim Kauf von Reinigungsmitteln ist der „Blaue Engel“, ein Siegel mit strengen Umweltschutzauflagen, eine gute Orientierungshilfe. Alternativ gibt es noch das EU Ecolabel. Ganz generell gilt, sowohl für Kosmetik als auch für Reinigungsmittel: sparsam dosieren.

Wie beurteilen Sie das Engagement der REWE Group, Mikroplastik zu reduzieren?
Katharina Istel
: Es ist sehr positiv, dass die REWE Group das Thema angeht und offen diskutiert. Die Kriterien für das eigene Siegel, mit dem die Kosmetik Eigenmarken-Produkte gekennzeichnet sind, die frei von Mikroplastik sind, gehen über Mikroplastik im eigentlichen Sinne hinaus. Die REWE Group ist auf einem guten Weg. Jetzt kommt es darauf an, alle Produkte entsprechend umzustellen – auch solche, bei denen es schwierig ist.

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