„Keiner kann sich aus der Verantwortung stehlen“

Klimaziele der REWE Group

Nachhaltigkeits-Manager Dr. Günther Kabbe im Interview: Wie die REWE Group ihre Klimaziele erreichen will und wo noch Potenziale stecken.

Herr Dr. Kabbe hält eine Stromspar-Glühbirne in die Kamera

Bei ihren Klimazielen ist die REWE Group auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. An welchen Stellschrauben haben wir bereits gedreht, wo stecken noch Potenziale? Kann die REWE Group irgendwann klimaneutral wirtschaften? Und was kann der Handel sonst noch für den Klimaschutz tun? Wir haben mit Nachhaltigkeits-Manager Dr. Günther Kabbe gesprochen. Außerdem: Wo der Grünstrom für die REWE Group herkommt.

Porträt von Dr. Günther Kabbe
Dr. Günther Kabbe Dr. Günther Kabbe treibt als Funktionsbereichsleiter Umwelt und Nachhaltigkeitscontrolling das Thema Klimaschutz bei der REWE Group voran.

Herr Kabbe, wer ist in erster Linie gefordert, wenn die Klimawende gelingen soll? Politik, Wirtschaft oder Bürger? 
Günther Kabbe: Keiner kann sich aus der Verantwortung stehlen. Alle müssen mit anpacken. Die Politik muss den Rahmen vorgeben, etwa indem sie möglichst wirkungsvolle Anforderungen formuliert. Wirtschaft und Industrie müssen klimafreundliche Alternativen entwickeln und wir Verbraucher müssen unser Verhalten umstellen, statt immer nur zu fordern: Lass die anderen vorangehen. Oder Subventionen von der Politik zu fordern.

Die Bundesregierung hat ja bereits einen Rahmen vorgegeben – mit dem Klimapaket. Reicht das nicht?
Günther Kabbe: Die Einführung eines Klimagesetzes für Deutschland ist richtig und zu begrüßen. Wichtig finde ich jedoch, hier ambitioniert und nicht zu zaghaft vor(an)zugehen, denn unsere Herausforderungen sind global und nicht national. Mindestens europaweit müsste hier ein level playing field geschaffen werden. An vielen Stellen geht die Wirtschaft schon freiwillig voran, aber das wird nicht die Lösung sein.

Welchen Beitrag leistet die REWE Group zum Klimaschutz?
Günther Kabbe: Wir haben bereits 2008 vollständig auf Grünstrom umgestellt und im Jahr darauf erstmals ehrgeizige Klimaziele formuliert, die im Jahr 2013 noch einmal nachgeschärft wurden. Zwischenzeitlich fiel der Entschluss, künftig alle Neubauprojekte in Deutschland nach dem Green Building-Konzept umzusetzen. Seitdem haben wir viel erreicht. Im Jahr 2018 waren die spezifischen Treibhausemissionen pro Quadratmeter Verkaufsfläche um 43 Prozent niedriger als 2006. Bis 2022 soll die Einsparung 50 Prozent betragen.

„Große Effizienzgewinne haben wir beispielsweise mit der Verglasung von Kühlregalen, klimafreundlichen Kältemitteln und der Umstellung auf LED-Beleuchtung erzielt.“ Günther Kabbe

An welchen Stellschrauben wurde gedreht, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren?
Günther Kabbe: Gut die Hälfte der Treibhausgasemissionen der REWE Group steht in Zusammenhang mit dem Stromverbrauch in Märkten, Lagern und Verwaltungsgebäuden. Somit ist hier ein großer Hebel für Einsparungen. Große Effizienzgewinne haben wir beispielsweise mit der Verglasung von Kühlregalen, klimafreundlichen Kältemitteln und der Umstellung auf LED-Beleuchtung erzielt. Darüber hinaus tragen aber auch unsere Aktivitäten zur Reduzierung von Verpackungen und gegen Food Waste zum Klimaschutz bei.

Noch einmal zurück zum Thema Energie: Gibt es da noch Potential für weitere Energieeinsparungen?
Günther Kabbe: Das ist die Herausforderung: weitere Verbesserungen zu erreichen, wenn die großen Stellschrauben gedreht sind. Es gibt jedoch auch Felder, auf denen wir trotz guten Willens noch nicht sehr weit vorangekommen sind, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Wo zum Beispiel?
Günther Kabbe:
 In der Logistik. Dank einer optimierten Tourenplanung und Fahrerschulungen haben wir den Energieverbrauch in den vergangenen Jahren zwar bereits deutlich gesenkt. Aber weitere nennenswerte Fortschritte sind nur mit alternativ angetriebenen LKW möglich. Doch die Industrie hat das Thema Elektro- bzw. Gas-LKW verschlafen. Es gibt noch keine geeigneten Fahrzeuge.

Eine Infografik, die die Herkunft der THG-Emissionen der REWE Group aufschlüsselt
Strom, Wärme und Kältemittel verursachen die meisten Treibhausgas-Emissionen der REWE Group (Stand: September 2019).
„Wir müssen den Verbrauchern eine Verhaltensänderung leicht machen, indem wir ein attraktives Angebot an Produkten mit guter Klimabilanz bereithalten.“ Günther Kabbe

Werden wir als REWE Group irgendwann klimaneutral agieren?
Günther Kabbe: Da wollen wir hin. Verglichen mit 2006 haben wir trotz Wachstum aktuell knapp 15 Prozent der absoluten Treibhausgasemissionen eingespart. Der Weg zu Klimaneutralität führt über zwei Etappen: Zunächst geht es darum, die selbst verursachten Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Wenn das nicht mehr möglich ist, kommen Kompensationsmaßnahmen ins Spiel. Da gibt es viele Möglichkeiten, etwa die Unterstützung von Aufforstungsprojekten oder die Förderung Erneuerbarer Energien, wie wir das mit dem über unseren Energiepartner EHA bezogenen Grünstrom machen.
 

Viele Menschen möchten gerne klimabewusster konsumieren. Welchen Beitrag können wir als Händler dazu leisten?
Günther Kabbe: „Wir müssen den Verbrauchern eine Verhaltensänderung leicht machen, indem wir ein attraktives Angebot an Produkten mit guter Klimabilanz bereithalten.“ Zum Beispiel zahlreiche Produkte aus der Region und viel saisonales Obst und Gemüse. Obendrein müssen wir einen Beitrag zur Aufklärung leisten. Die Verbraucher sollten wissen, welche Auswirkungen für das Klima ihre Kaufentscheidungen haben.

Was halten Sie von dem Vorschlag, einen CO2-Fußabdruck auf Produkte zu schreiben?
Ein reines CO2-Label würde für mich wenig Sinn ergeben – wir sollten nicht beim Klima stehen bleiben. Denn über den Klimaschutz hinaus gibt es eine Reihe weiterer ökologischer, sozialer und ethischer Aspekte, welche bei der Bewertung von Produkten zu berücksichtigt sind – zum Beispiel Wasser- und Landverbrauch, Kinderarbeit, faire Entlohnung, Tierwohl und weitere. Dazu bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung des Produkts über den gesamt Lebenszyklus. Mit dem PRO PLANET-Label geht die REWE Group diesen ganzheitlichen Weg, Probleme in der Wertschöpfungskette zu analysieren und systematisch zu lösen, und fördert so den verantwortungsvollen Konsum auf breiter Ebene.

Bei allem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit: Die Verbraucher werden gleichzeitig anspruchsvoller, wünschen mehr Frische, mehr Convenience – Anforderungen, die eher schlecht für das Klima sind, weil sie mehr Transporte, Kühlung und eventuell Verpackung notwendig machen. Wie gehen wir als Händler damit um?
Günther Kabbe: Das müssen wir durch noch mehr Energieeffizienz und klimafreundlichere Beschaffungswege kompensieren. Denn als Händler bleibt uns kaum eine andere Wahl, als auf veränderte Konsumgewohnten zu reagieren und diese Produkte ins Sortiment zu nehmen. Wir müssen schließlich wettbewerbsfähig bleiben. Aber wir können uns kritisch fragen, welchen Spielraum wir dabei haben. Und wir müssen andere Handlungsoptionen noch stärker nutzen. Zum Beispiel, indem wir das Angebot an regionalen und saisonalen Produkten weiter ausbauen und die Verbraucher noch stärker informieren. So können wir zu einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft beitragen.

Eine Grafik, die die Säulen des Klimaschutzes aufschlüsselt
Von Green Buildings bis hin zu mehr Regionalität: So setzt sich die REWE Group konkret für den Klimaschutz ein.

Zertifiziert und reduziert

Die REWE Group setzt auf Grünstrom – doch der beste Strom ist immer noch der, der gar nicht erst verbraucht wird. Bei der Energieeffizienz machen wir große Fortschritte.

Als erster Lebensmitteleinzelhändler stellte die REWE Group im Jahr 2008 die Märkte, Verwaltungsstandorte, Läger und Reisebüros in Deutschland flächendeckend auf zertifizierten Grünstrom aus erneuerbaren Energien wie Wasser, Wind und Solar um – und schaltete Monitoringsysteme im Energiemanagement auf, um den Energieverbrauch kontinuierlich zu reduzieren. Die größten Verbräuche entstehen bei der Kälteerzeugung und der Beleuchtung in den Märkten. Außerdem fällt der durch den Transport von Waren verbrauchte Kraftstoff ins Gewicht.

Die Erfolge sind sichtbar, insbesondere beim Strom, der mit etwa 59 Prozent den größten Anteil am gesamten Energiebedarf ausmacht. Um rund zehn Prozent konnte der Verbrauch je Quadratmeter Verkaufsfläche seit 2012 bereits gesenkt werden. Den wesentlichen Beitrag dazu leisteten LED-Beleuchtung, eine energieeffizientere Kühlung und neue energieeffizientere Märkte.

Die Grundlage für die Effizienzmaßnahmen bildet ein konzernweites Energiemanagementsystem, das seit 2008 gemeinsam mit der Hamburger Energie-Handels-Gesellschaft (EHA) umgesetzt wird, ein einhundertprozentiges Tochterunternehmen der REWE Group. In Deutschland und Österreich beliefert die EHA alle Standorte komplett mit einem Strommix aus 100 Prozent Grünstrom.

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