„Die Krise trifft die Ärmsten besonders“

Tafeln leiden unter Corona

Die Corona-Krise trifft Bedürftige hart: Viele Tafeln mussten vorübergehend schließen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Lebensmitteln, beobachtet Tafel-Vorstand Jochen Brühl.

Ein Mann mit Maske gibt einem Mann, der genügend Abstand hält, Lebensmittel

Wenn die Tafeln in Schwierigkeiten kommen, trifft das die Ärmsten der Armen. In der Corona-Krise passiert genau das: Weil den Tafeln Mitarbeiter wegbrechen und weniger Lebensmittel gespendet werden, haben viele Ausgabestellen vorübergehend geschlossen. Wir haben mit Tafel-Vorstand Jochen Brühl gesprochen: Woran es jetzt besonders fehlt, wo die Politik kurzfristig anpacken muss – und wie Interessierte jetzt helfen können.

Menschen stehen in einer Schlange vor einer Essensausgabe
Die Menschen, die zur Tafel kommen, haben kein Geld für Vorratskäufe. Doch auch ihr Bedarf an Lebensmitteln erhöht sich, da zum Beispiel die Versorgung der Kinder in Schulkantinen oder der Kita wegfällt.

Die Tafeln versorgen in Deutschland Bedürftige mit Lebensmitteln, viele Menschen sind auf die Unterstützung angewiesen. Nun trifft die Corona-Krise sowohl die ehrenamtlichen Helfer als auch ihre Kunden. Viele lokale Tafeln mussten sogar vorübergehend schließen. Wie ist die Lage aktuell?
Jochen Brühl:
Die Tafeln versuchen mit allen Mitteln, weiter für ihre Kundinnen und Kunden da zu sein. Die Herausforderungen sind riesig. Ein Großteil unserer Ehrenamtlichen gehört aufgrund des Alters oder Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Sie können gerade nicht helfen, obwohl sie gerne würden. Ein weiteres Problem: Tafeln sind Begegnungsorte mit vielen Kontakten. Doch jetzt müssen wir Lebensmittel verteilen mit so wenig direktem Kontakt wie möglich. Für viele Tafeln bedeutet das, dass sie ihren Betrieb völlig umstellen müssen, zum Beispiel Lieferdienste einrichten oder Lebensmittel in Tüten vorpacken und im Freien ausgeben. Auf diese Weise konnten bereits über 100 Tafeln wieder öffnen. Aber nicht überall sind diese Lösungen möglich. Noch etwa 350 Tafeln sind zur Zeit geschlossen.

Porträt von Jochen Brühl
Jochen Brühl Jochen Brühl ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel.
„Die Menschen, die zur Tafel kommen, haben kein Geld für große Vorratskäufe. Aber auch sie haben jetzt einen erhöhten Bedarf an Lebensmitteln.“Jochen Brühl

Den lokalen Tafeln fehlt es momentan unter anderem an Lebensmitteln. Was wird besonders benötigt?
Jochen Brühl: Die Menschen, die zur Tafel kommen, haben kein Geld für große Vorratskäufe. Aber auch sie haben jetzt einen erhöhten Bedarf an Lebensmitteln, da ja die Versorgung der Kinder in Schulkantinen oder der Kita wegfällt; für viele ältere Menschen fehlen kostenfreie Mittagstische. Sie benötigen deshalb sowohl Grundnahrungsmittel als auch – wie üblich – frisches Obst und Gemüse, was ja auch dazu beiträgt, dass sich unsere Kundinnen und Kunden gesünder ernähren können.


Wo liegen in der Corona-Krise die größten Herausforderungen für Sie und die ehrenamtlichen Helfer, die die Tafeln normalerweise am Laufen halten?
Jochen Brühl:
Die Situation ist in den einzelnen Tafeln sehr unterschiedlich. Einigen, vor allem im ländlichen Bereich, fehlt es nach wie vor an jüngeren Helferinnen und Helfern, die kurzfristig mit anpacken. Beinahe alle Tafeln haben mit finanziellen Engpässen zu kämpfen und sind aktuell dringend auf Geldspenden angewiesen, denn eine Umstellung der Lebensmittelausgabe auf Lieferdienste oder die Beachtung der Hygienemaßnahmen kostet Geld. Auch Tafeln, die derzeit noch geschlossen haben müssen, benötigen Geld, um diese Zeit zu überstehen und dann mit aller Kraft wieder öffnen zu können. Denn die Kosten wie Miete, Versicherung der Fahrzeuge und ähnliches laufen ja weiter, während die Einnahmen durch symbolische kleine Beträge für die Lebensmittel wegfallen.


Viele Menschen haben in den vergangenen Wochen ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit. Zudem sind Kitas und Schulen geschlossen – dadurch fallen Mahlzeiten für die Kinder weg. Inwiefern spüren Sie das bei den Tafeln?
Jochen Brühl: Viele Tafeln verzeichnen zahlreichen Neuanmeldungen in den letzten Wochen. Der Bedarf an Unterstützung mit günstigen Lebensmitteln steigt bereits jetzt deutlich und wird weiter zunehmen. Die Krise trifft die Ärmsten besonders. Jemand, der normalerweise von seinem Gehalt so eben seine Familie ernähren kann, kommt mit 60% Kurzarbeitergeld schlicht nicht über die Runden. Da ist es umso dramatischer, dass die Tafeln im Notbetrieb arbeiten oder einige sogar weiterhin geschlossen haben, weil es vor Ort keine Möglichkeit gibt, eine Lebensmittelausgabe so zu organisieren, dass der gesundheitliche Schutz von Ehrenamtlichen und Kundinnen und Kunden gewährleistet werden kann. 

„Tafeln sind auch Begegnungsorte und für viele unserer Kundinnen und Kunden ist es genauso wichtig, bei der Tafel jemanden zum Reden zu finden, einen Kaffee in Gesellschaft trinken zu können.“ Jochen Brühl

Was sind die Folgen der momentanen Ausnahmesituation für Bedürftige?
Jochen Brühl:
Den Menschen haben ja nicht nur finanzielle Sorgen, es fehlt nicht nur an Lebensmitteln. Tafeln sind auch Begegnungsorte und für viele unserer Kundinnen und Kunden ist es genauso wichtig, bei der Tafel jemanden zum Reden zu finden, einen Kaffee in Gesellschaft trinken zu können. Wir wissen, dass gerade ältere Menschen jetzt wirklich alleine in ihren Wohnungen sitzen. Wir bemühen uns auch hier um Linderung, zum Beispiel gibt es Tafeln, die Postkarten an ihre Kunden verschicken. Andere berichten von Kundinnen und Kunden, die die Telefonnummer der Tafel wählen, einfach um mal kurz zu reden. Sorge bereitet uns auch die Situation der vielen Kinder und Jugendliche, die bei den Tafeln oftmals spezielle Angebote wie Hausaufgabenbetreuung, Kochkurse oder kleine Kulturprojekte nutzen konnten, um Perspektiven für ihr junges Leben entwickeln zu können.


In einem Brief an den Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil schrieben Sie Anfang April, es gebe zwar bereits umfangreiche Finanzhilfen, doch die Menschen, die regelmäßig die Tafeln nutzen, benötigten "zwingend noch mehr Unterstützung". Wo muss die Politik jetzt kurzfristig anpacken?
Jochen Brühl:
Wir halten es für sinnvoll, jetzt kurzfristig die ALGII-Sätze zu erhöhen, denn der Bedarf an Lebensmitteln in den Familien ist ganz klar gestiegen. Auch eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes für Menschen mit geringem Einkommen muss auf den Weg gebracht werden. Sicher brauchen wir zusätzliche Unterstützung von Alleinerziehenden und ihren Kindern oder ärmeren Familien. Der Druck dort steigt sonst ins Unermessliche. Und letztlich dürfen wir nicht vergessen, dass auch Hilfsorganisationen wie die Tafeln, die sich um Menschen in Not kümmern, jetzt finanziell gestärkt werden, damit sie sich auch nach der Krise weiter kümmern können.

„In der Corona-Krise werden Probleme sichtbar, die längst bestehen – und die fortbestehen werden, wenn sich politische Rahmenbedingungen nicht ändern.“Jochen Brühl

Und was wünschen Sie sich langfristig?
Jochen Brühl:
Unsere Gesellschaft darf sich nicht weiter zerteilen in die Armen und die Reichen. In Deutschland wird nicht nur Reichtum vererbt, sondern eben auch Armut. In der Corona-Krise werden Probleme sichtbar, die längst bestehen – und die fortbestehen werden, wenn sich politische Rahmenbedingungen nicht ändern.


Haben Sie auch Erfahrungen der Hilfsbereitschaft oder Solidarität in dieser herausfordernden Zeit gemacht?
Jochen Brühl:
Die Hilfsbereitschaft den Tafeln gegenüber ist in der Bevölkerung und auch bei Unternehmen gerade sehr groß und kreativ. Das stimmt mich hoffnungsvoll und berührt uns sehr. Gerade ist bei vielen Menschen die persönliche Betroffenheit groß und unsere Gesellschaft steht eng beisammen, weil die Not überall offenkundig ist. Ich wünsche mir, dass dies kein kurzfristiger Effekt ist, der verpufft, sobald andere Themen wieder im Fokus stehen. Wir brauchen langfristig einen zugewandten Umgang miteinander und einen Blick aus der eigenen Filterblase heraus.

Wie können Menschen, die sich engagieren wollen, jetzt am besten helfen?
Jochen Brühl:
Bitte fragt bei der Tafel vor Ort nach, was gebraucht wird. Das kann sehr unterschiedlich sein. Vertraut darauf, dass die Tafel-Aktiven am besten wissen, wie die Hilfe organisiert werden kann und auch ankommt. Und nicht von vermeintlich zu großen Anforderungen entmutigen lassen. Nicht jeder, der helfen möchte, muss täglich Zeit haben, um Lebensmittel einzusammeln und zu verteilen. Vielleicht freut sich eine Tafel auch, wenn jemand die Website pflegt oder hilft, neue Hygienevorgaben in der Tafel einzurichten.


 

Eine Grafik, die die Kernfakten des Tafelengagements aufzählt
Über 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind auf Lebensmittel-Spenden durch die lokalen Tafel-Initiativen angewiesen. Die REWE Group unterstützt die Tafeln seit über 20 Jahren mit Geld- und Lebensmittelspenden.

So helfen REWE und PENNY

Als langjährige Unterstützer der Tafeln lassen REWE und PENNY die Tafeln auch in diesen schweren Zeiten nicht im Stich und haben jeweils Aktionen gestartet, um Bedürftige unkompliziert zu unterstützen.

Bei PENNY können Kunden unter
https://www.penny-kartenwelt.de/tafel-spendenaktion.html einen Gutschein kaufen und damit einfach und bequem für die Tafeln spenden. Jeder Gutschein zum Kaufpreis von fünf Euro wird von PENNY auf zehn Euro verdoppelt.

Auch REWE hat gemeinsam mit dem Kölner Unternehmen geschenkgutscheine.io eine bundesweite Spendenaktion zur Unterstützung der Tafeln gestartet. Über die Seite www.rewe.de/auf-uns-ist-verlass und direkt über www.tafel-deutschland.geschenkgutscheine.io können Kunden per Klick Geld spenden. Das eingenommene Geld wird in Wertgutscheine aufgeteilt, die an die Tafelkunden verteilt werden. Zusätzlich stellt REWE 50.000 Euro als Geldspende und darüber hinaus Lebensmittel im Wert von 200.000 Euro zur Verfügung. Diese gehen aus den Lagern von REWE direkt an die lokalen Tafeln.

Symbolbilder für die Aktionen "Gemeinsam Teller füllen!" und die "Powerkiste".
Seit 2009 unterstützt REWE die Tafeln mit der jährlichen Tafeltüten-Aktion „Gemeinsam Teller füllen!“ Allein 2019 spendeten der Konzern gemeinsam mit Kunden 500.000 Tüten haltbare Lebensmittel im Wert von 2,42 Millionen Euro. Auch für benachteiligte Kinder setzt sich die REWE Group gemeinsam mit den Tafeln und anderen Partnern ein. Im Rahmen der Aktion „Powerkiste“ wurden seit 2009 mehr als 1,6 Millionen Frühstücke an Schulkinder verteilt.

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