„Wir setzen den Fokus auf Insektenschutz“

Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU)

NABU und REWE Group arbeiten gemeinsam mit Landwirten und Produzenten seit über zehn Jahren für den Schutz der Biodiversität zusammen. NABU-Geschäftsführer Leif Miller hält im Interview Rückschau und gibt einen Ausblick auf Schwerpunkte für die Zukunft.

Schmetterlinge auf einer Blühwiese
NABU und REWE Group arbeiten seit über zehn Jahren für den Schutz der Biodiversität zusammen.

Seit über zehn Jahren engagieren sich die REWE Group und der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) gemeinsam mit Landwirten und Produzenten für biologische Vielfalt – Zeit für einen Rück- und Ausblick. Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Verbands erläutert im REWE Group Magazin, welche Ergebnisse die Kooperation für den Insektenschutz erzielt hat und welche Schwerpunkte in Zukunft gesetzt werden. 

​​​​​REWE Group Magazin: Klimawandel, Bodenverlust, Plastikmüll: Es gibt viele Umweltprobleme. Warum ist das Thema Biodiversität für die Zusammenarbeit zwischen dem NABU und der REWE Group zum zentralen Thema geworden?

Herr Miller: Artenreiche Ökosysteme sind die Basis für unser Leben und unsere Lebensqualität. Sie produzieren Sauerstoff, binden Kohlenstoff, filtern Wasser und verhindern Erosion. Natürliche Ressourcen dienen als Baumaterial, industrieller Rohstoff und Nahrungsmittel. Die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft hängt untrennbar von der Leistungsfähigkeit der Natur ab. In besonderer Weise betrifft dies die Landwirtschaft, den Anbau von Obst und Gemüse – mit anderen Worten: das Kerngeschäft des Lebensmitteleinzelhandels. Dieses ist existentiell auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen: Von den 107 wichtigsten Kulturpflanzen sind 85 Prozent zumindest teilweise davon abhängig. Rund 60 Prozent der Produkte im Lebensmitteleinzelhandel sind auf Insektenbestäubung angewiesen – ohne sie blieben unsere Teller leer. Aus diesem Grund ist der Schutz der biologischen Vielfalt fest in der DNA der strategischen Partnerschaft zwischen NABU und der REWE Group verankert.

„Ohne Insekten blieben unsere Teller leer.“

​​​​​​REWE Group Magazin: Was waren bzw. sind die Schwerpunkte in der Kooperation mit der REWE Group im vergangenen Jahr und im laufenden Jahr 2019?

Herr Miller:
Das Kooperationsjahr 2019 steht im Zeichen des Schutzes der biologischen Vielfalt mit einem klaren Schwerpunkt auf dem Insektenschutz. Höhepunkt war 2018 die Initiierung des NABU-Insektenschutzfonds, den REWE im ersten Jahr als exklusives Gründungsmitglied mit einer Summe von 300.000 Euro unterstützte. Über den Fonds werden bundesweite Maßnahmen zum Schutz der Lebensräume von Insekten durch Flächenkäufe und insektenfreundliche Umgestaltung, z. B. durch Ackerumwandlung und die Anlage von Blühstreifen und Hecken, finanziert.

Eine medial sehr erfolgreiche und vor allem eindrückliche Aktion im Jahr 2018 war die „Bienenaktion“, die der NABU gemeinsam mit PENNY in Langenhagen umgesetzt hat: Sämtliche von der Bestäuberleistung abhängigen Produkte wurden aus den Regalen genommen. Am Ende verschwanden 60 Prozent aller Produkte aus dem Markt.

Zweites bestimmendes Thema, das uns sicherlich noch eine ganze Weile innerhalb der strategischen Partnerschaft begleiten wird, ist die Reduktion von Verpackungen. Wir prüfen kontinuierlich das Sortiment, inwieweit Verpackungen eingespart und umweltfreundlicher gestaltet werden können. Die Herausforderung ist groß, denn nicht immer ist einfach, was einfach erscheint: es ist essentiell, den Kunststoffverbrauch zu verringern, aber auch andere Materialien gehören auf den Prüfstand. Wir freuen uns, dass die REWE Group bereits mit vielen Pilotprojekten Akzente im Markt gesetzt hat und mit der Verpackungsleitlinie dem gesamten Unternehmen eine Orientierung bietet, um das Thema in allen Geschäftsbereichen fest zu verankern.

Leif Miller ist Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbund Deutschlands e.V. (NABU).
Leif Miller
Leif Miller ist Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbund Deutschlands e.V. (NABU).

​​​​​​REWE Group Magazin: Welche Bedeutung hat das PRO PLANET-Apfelprojekt für die Biodiversität?

Herr Miller:
Das Ziel des PRO PLANET-Apfelprojekts ist es, die biologische Vielfalt auf Apfelplantagen zu erhöhen: Seit zehn Jahren leistet die REWE Group zusammen mit dem NABU, der Bodensee-Stiftung und den beteiligten Obstbauern einen wichtigen Beitrag zur Förderung des Artenreichtums in der konventionellen Landwirtschaft. Mittlerweile beteiligen sich über 300 Erzeuger in 14 Anbauregionen. Sie schaffen Blühflächen für Wildbienen und andere Bestäuber, stellen Nisthilfen für Hummeln und Vögel auf oder minimieren den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Das PRO PLANET-Apfelprojekt zeigt in vorbildlicher Weise, wie durch die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Naturschützern nicht nur die biologische Vielfalt, sondern auch das gegenseitige Verständnis für die jeweiligen Motive und Handlungszwänge des anderen gefördert werden können.

Das letzte Wildbienen-Monitoring vom Bodensee belegt eindrucksvoll, dass die gemeinsamen Anstrengungen der vergangenen zehn Jahre Früchte tragen. Hierbei konnte im Vergleich zu 2010 ein deutlicher Zuwachs von etwa 100 Prozent von 56 auf 117 verschiedene Wildbienenarten festgestellt werden, darunter auch 25 (2010: 5) bedrohte Arten.

Ein Blühstreifen
Insekten brauchen eine vielfältige Landschaft. Über den NABU-Insektenschutzfonds unterstützt die REWE Group die Anlage von Blühstreifen und Hecken.

REWE Group Magazin: Wie weit sind Sie bei der Ausweitung auf Gemüsekulturen?

Herr Miller:
Inzwischen ist die Ausweitung des Projektes auf Gemüse vielversprechend angelaufen. In 14 Regionen werden beim Anbau von Brokkoli, Chinakohl, Eisbergsalat, Romana Salatherzen und Möhren eine Vielzahl von Maßnahmen zur Förderung der biologischen Vielfalt umgesetzt. So konnten in den letzten zwei Jahren schon fast 45 Hektar ein- oder mehrjährige Blühflächen angelegt oder aufgewertet werden. Auch die Zahl von mehr als 770 gepflanzten Hecken, Bäumen und Sträuchern oder mehr als 360 installierten Nistkästen für Vögel ist beeindruckend. Mit der kontinuierlichen Ausweitung des Projektes auf weitere Gemüsekulturen wird die Vielfalt der umgesetzten Maßnahmen in den nächsten Jahren noch erheblich steigen, sodass wir in zehn Jahren sicher auch im Gemüseprojekt eine ebenso positive Bilanz ziehen können wie im Apfelprojekt.

​​​​​​REWE Group Magazin: Mit einer Startsumme von 300.000 Euro legte die REWE Group das Fundament für den Insektenschutzfonds, um bundesweit umfassende Maßnahmen umzusetzen. Warum ist so viel Geld für Flächen notwendig?

Herr Miller:
Insekten sind unersetzbar. Sie bestäuben Wild- und Kulturpflanzen und sind so für eine intakte Natur und die Erzeugung vieler Lebensmittel unerlässlich. Sie sind Nahrungsgrundlage unzähliger Tierarten und dienen dem biologischen Pflanzenschutz in der Landwirtschaft.

Der Insektenschutzfonds bietet Unternehmen und Privatpersonen die Möglichkeit, sich an der Planung und Durchführung praktischer Maßnahmen und Projekte zum Schutz von Insekten finanziell zu beteiligen. Grundsatz für all diese Maßnahmen und Projekte ist ihre nachhaltige, also dauerhafte und erfolgreiche Wirkung. Deshalb kommt dem Erwerb geeigneter Flächen zur Sicherung etablierter Maßnahmen besondere Bedeutung zu.

Mit dieser Startsumme legt REWE das Fundament, um bundesweit umfassende Maßnahmen zum Schutz von Insekten umzusetzen. Dafür werden noch in diesem Jahr rund 65.000 Quadratmeter Ackerflächen und Wiesen durch die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe gekauft und dauerhaft gesichert. Zusätzlich sollen auf 160.000 Quadratmetern artenreiche Blühflächen auf Ackerrandstreifen, bunt blühende Wiesen und Weiden und nicht genutzte Feldraine gepflanzt und Hecken angelegt werden.