„Der Ruf wird lauter, dass Unternehmen verstärkt Verantwortung in der Digitalisierung übernehmen sollten“

Christian Thorun, Geschäftsführer des Instituts ConPolicy, über die Chancen durch Corporate Digital Responsibility

Die Digitalisierung hat mittlerweile fast alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst – mit positiven wie negativen Auswirkungen. Unternehmen und Politik müssen dies in ihr Handeln einbeziehen und Digitalisierung in den Dienst einer nachhaltigen Entwicklung stellen. Corporate Digital Responsibility bietet dafür den Rahmen.

Solar- und Windenergie
Digitale Technologien sind notwendig, um etwa die Energiewende durch intelligente Energienetze, intermodale Mobilitätsformen und eine Sharing-Economy zu ermöglichen.

Die Digitalisierung hat die Wirtschaft voll erfasst

Industrie 4.0, der Einsatz künstlicher Intelligenz in Produktion und Distribution, Anwendungen des Internets der Dinge sowie agile Arbeitsmethoden, Prototyping und Design-Thinking sind Themen, die derzeit im Unternehmenskontext intensiv diskutiert und umgesetzt werden. Die Digitalisierung hat die Wirtschaft voll erfasst.

Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass sich auch unser Verständnis gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung (CSR) weiterentwickeln muss. Denn die Digitalisierung geht mit positiven und negativen gesamtgesellschaftlichen Begleiterscheinungen einher: Auf der einen Seite kann die Digitalisierung den Menschen den Zugang zur Daseinsvorsorge in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Kommunikation und Energie erleichtern, bzw. gerade in Entwicklungsländern, überhaupt erst ermöglichen. Auch sind digitale Technologien notwendig, um etwa die Energiewende durch intelligente Energienetze, intermodale Mobilitätsformen und eine Sharing-Economy zu ermöglichen.

Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe negativer Begleiterscheinungen der Digitalisierung. So ist die digitale IT-Infrastruktur nur mit einem erheblichen Ressourcen- und Energieeinsatz zu betreiben. Auch geht die Digitalisierung mit neuartigen Herausforderungen einher: Der Verlust der Privatsphäre in der Datenökonomie, eine mögliche Zunahme von Diskriminierung durch algorithmische Entscheidungen, ein Wegfall von Arbeitsplätzen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz, eine Ausbreitung von prekären Arbeitsverhältnissen im Zuge von plattformbasierten Geschäftsmodellen, sowie Hass-Kommentare im Internet sind nur einige Beispiele.

Es überrascht daher nicht, dass der Ruf lauter wird, dass Unternehmen verstärkt Verantwortung in der Digitalisierung übernehmen sollten. So rief das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz im Oktober 2018 eine Plattform zum Thema Corporate Digital Responsibility (CDR) ins Leben. Immer mehr Unternehmen befassen sich mit der Frage, was Unternehmensverantwortung in der digitalen Welt konkret bedeutet und Bundesumwelt- und Bundeslandwirtschaftsministerium setzen auf digitale Technologien, um den Umwelt- und Ressourcenschutz voranzutreiben. Auch forderte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in seinem jüngst veröffentlichten Gutachten „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“, die Digitalisierung in den Dienst einer nachhaltigen Entwicklung zu stellen.

Porträt von Prof. Dr. Christian Thorun
Prof. Dr. Christian Thorun
Prof. Dr. Christian Thorun ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des ConPolicy-Instituts für Verbraucherpolitik. Er berät zum Einfluss der Digitalisierung auf Nachhaltigkeit.

„Die Digitalisierung in den Dienst einer nachhaltigen Entwicklung stellen“

Die unternehmerische Verantwortung sollte sich in zweifacher Hinsicht ausdrücken: Zum einen sollte die Digitalisierung dafür genutzt werden, „klassische“ Verantwortungsthemen wirkungsvoller und effektiver umzusetzen. So kann etwa der Einsatz von Verfahren der Predictive Analytics dabei helfen, Ressourcen in der Logistik einzusparen. Lieferketten können durch Blockchain-Technologie transparenter gemacht werden. Mit Technologien der Augmented Reality können Nachhaltigkeitsinformationen im Supermarkt in einer neuen Art und Weise an Kundinnen und Kunden vermittelt werden. Gleichzeitig sollte jedoch auch dafür gesorgt werden, dass negative Auswirkungen der Digitalisierung minimiert werden: So sollte beispielsweise durch einen Einsatz digitaler Technologien der Ressourcen- und Energieverbrauch nicht steigen.

Zum anderen erweitert die Digitalisierung den Kanon der klassischen Verantwortungsthemen um eine dezidierte digitale Säule: Hier geht es etwa um Themen wie Datenschutz- und Datensicherheit, die Verhinderung einer algorithmenbasierten Diskriminierung, die Notwendigkeit einer Datenethik sowie die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Im Rahmen eines umfassenden Verantwortungsverständnisses sollten Unternehmen demnach ihre negativen gesellschaftlichen Effekte der Digitalisierung und digitaler Geschäftsmodelle auf ihre Mitarbeiter, Lieferanten, Kunden sowie die Gesellschaft und Umwelt insgesamt minimieren und die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zur Verwirklichung gesamtgesellschaftlicher Ziele nutzen. Auch wenn sich immer mehr Unternehmen dieser Aufgabe annehmen, so befindet sich der Diskurs über eine Unternehmensverantwortung in der digitalen Welt derzeit in den Kinderschuhen. Zukunftsgewandte Unternehmen sollten hier Pioniere und Vorreiter sein. Denn genauso wenig wie eine Zukunft ohne Digitalisierung denkbar ist, ist eine digitale Welt ohne eine konsequente Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und die 2030 Agenda zukunftsfähig.

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