„Die meisten Ökosysteme und Arten werden unsere Kinder und Enkelkinder so nicht mehr kennenlernen“

Olaf Tschimpke, Präsident des NABU, über die Herausforderung, Biodiversität zu erhalten

In den Medien ist es allgegenwärtig: Vor allem in den Industrienationen leben wir über unsere Verhältnisse, verbrauchen zu viele Ressourcen und verschmutzen Böden und Gewässer. Besonders die Landwirtschaft ist zum Wandel aufgerufen.

Ein Acker in der Sonne
Landwirte, die ihre Felder anbaukultur- und standortgerecht düngen, den Humusaufbau fördern und einen ausreichenden Abstand zu Gewässern einhalten, können in hohem Maße dazu beitragen, die Qualität von Böden und Trinkwasser zu erhalten und zu fördern.

In den letzten 100 Jahren waren die Aussterberaten von Arten etwa 100-mal größer als die natürlichen Aussterberaten in den Zeiten davor

Würden alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen wie der Durchschnitts-Deutsche, bräuchten wir 2,8 Erden zum Überleben – von dieser Rechnung haben die meisten bereits gehört. Was hierbei leider außer Acht bleibt: Wenn wir uns nur auf unser Überleben ausrichten, werden wir den Arten- und Lebensraumverlust so stark vorantreiben, dass keine Natur mehr übrig bleibt. In den letzten 100 Jahren waren die Aussterberaten von Arten etwa 100-mal größer als die natürlichen Aussterberaten in den Zeiten davor, für die Zukunft werden sogar 1.000 bis 10.000-mal größere Aussterberaten prognostiziert. Die mediale Aufmerksamkeit für das Insektensterben führt uns das aktuell sehr gut vor Augen. Etwa 30 Prozent der in Deutschland untersuchten 48.000 Arten werden in der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN (International Union for the Conservation of Nature) als vom Aussterben bedroht eingestuft. Die meisten Ökosysteme und Arten werden unsere Kinder und Enkelkinder so nicht mehr kennenlernen. Nur wenn jeder einzelne in seinem Alltag alles tut, was möglich ist, werden wir diese Verluste abwenden. Und der Alltag beginnt bei unserer Ernährung.

Die Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten führte zu übermäßigen Nährstoffeinträgen vor allem durch Nitrate und Phosphate. 2018 hat die EU-Kommission Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser verklagt. Die Nitratbelastung wirkt sich auf angrenzende Ökosysteme aus, deren Stoffkreisläufe aus der Balance geraten. Es kommt zu einer Veränderung des Habitats, also zum Verlust des Lebensraums mitsamt den darin vorkommenden Arten. Auch für uns Menschen ist eine zu hohe Belastung des Trinkwassers mit Nitrat gesundheitsgefährdend.

Landwirte, die ihre Felder anbaukultur- und standortgerecht düngen, den Humusaufbau fördern und einen ausreichenden Abstand zu Gewässern einhalten, können in hohem Maße dazu beitragen, die Qualität von Böden und Trinkwasser zu erhalten und zu fördern. Viele weitere produktionsintegrierte Maßnahmen bei der Flächenbewirtschaftung können zum Schutz der Artenvielfalt beitragen, z. B. ein erweiterter Reihenabstand, der Anbau von Sommergetreide und die Reduzierung von Pestiziden. Auch die Schaffung und Neuanlage von ökologischen Vorrangflächen, wie Hecken, Brachen, Blühstreifen, Feldrainen und Kleingewässern geben Feldhamstern, Rebhuhn und Feldlerche wieder einen Lebensraum in der landwirtschaftlich geprägten Kulturlandschaft. Dazu muss sich eine naturverträgliche Landwirtschaft auch finanziell lohnen.

Ein Porträt von Olaf Tschimpke (Präsident des NABU seit 2003)
Olaf Tschimpke
Olaf Tschimpke ist seit 1976 Mitglied des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und wurde 2003 erstmals zum Präsidenten des NABU gewählt. Die REWE Group und der NABU sind 2015 nach jahrelanger Zusammenarbeit eine langfristige strategische Partnerschaft eingegangen.

„Alle ökologischen und sozialen Folgekosten müssen vom Verursacher getragen werden“

Die Verknappung von Landflächen bedroht aktuell Naturräume, ausreichend erschwingliche landwirtschaftliche Fläche und Wohnraum. Hier braucht es starke nationale Regularien für eine effiziente Flächenausnutzung. In einer schnelllebigen, agilen Zeit müssen wir uns daher von dem klassischen Statusbild „mein Haus, mein Auto, mein …“ mit hohen Besitzansprüchen und hohem Konsum verabschieden und effiziente Wege zur Ressourcennutzung gehen – jeder Einzelne, aber gerade auch Organisationen und Unternehmen. Die Verringerung von unnötigen Verpackungen, nachhaltige Energiegewinnung, Mobilität und Bauweisen für Handelsstandorte gehören hier genauso dazu wie die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung.

Die Politik sehen wir in der Verantwortung über Aktionsprogramme hinaus denjenigen langfristig Unterstützung zu geben, die nach natur- und umweltverträglichen Prämissen handeln. Für einen wirksamen Umwelt- und Naturschutz brauchen wir politische und ordnungsrechtliche Instrumente, die für alle gesellschaftlichen Akteure gleichermaßen gelten. Die Behörden benötigen qualifiziertes und ausreichend Personal, das bestehendes Recht zum Wohle von Umwelt, Natur, Ressourcen und Klima umsetzt. Das Verursacherprinzip muss endlich gelten: Alle ökologischen und sozialen Folgekosten müssen vom Verursacher getragen werden.

Besonders die großen Handelsketten können als wichtiger Teil der Gesellschaft einen Beitrag leisten, die genannten Möglichkeiten zu fördern und damit positiv zu wirken. Sie für den Natur- und Umweltschutz zu sensibilisieren und damit ihre Produkte in Richtung einer größeren Nachhaltigkeit zu lenken, ist eine wichtige Schlüsselaufgabe, der wir uns auch weiterhin im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit der REWE Group widmen werden.

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